Alte Liebe rostet nicht

Ein Bericht von Sara & Markus Letzner - Teil 1
Erschienen in der Ausgabe März 2011

Schon im Kleinkindalter begegnet Markus der Liebe seines Lebens- zumindest der auf 4 Rädern. Sein Vater kaufte im Jahre 1974 einen Mercedes /8, 230.6 im rot, der den kleinen Markus durch seine ganze Jugend begleiten sollte.



Noch sehr viele Jahre später werden Freunde zu hören bekommen, wie sehr er schon im Kindesalter die Fahrten in dem zu damaligen Zeiten sehr schnellen Wagen genossen hat, immer mit einem Blick auf den Tacho, denn er fand es faszinierend zu beobachten wie schnell der Zeiger in die Höhe schnellte.

Die Fahrten zum gepachteten See in Niedersachsen mit dem Wagen sollten genauso in Erinnerung bleiben wie auch arbeitsreichen Tage des Fahrzeuges. Arbeitsreich waren sie für Mensch und Fahrzeug, denn das mit Muskelkraft zerkleinerte Holz musste, im ganzen Auto verteilt, mit den kräftigen 120 Pferdestärken nach Hause gebracht werden.

Auch die ersten Fahrversuche machte der jugendliche Markus mit diesem Wagen. Erst unter Vaters Aufsicht im Wald oder am See und später dann auch heimlich, wenn niemand bemerkte, dass der Wagen nicht in der Garage stand.



Der Zahn der Zeit nagte jedoch auch an diesem Exemplar, sicherlich noch begünstigt durch einen Unfall im ersten Jahr und auch die zahlreichen Kilometer hatten den Roten nicht geschont. Markus Vater, gelernter Schlosser und Schweißer, erhielt den Wagen mit Markus Hilfe für lange Jahre. Schweißarbeiten fehlten ebenso wenig wie der Tausch des Motors.

Doch im Mai 1993 sollte dann doch nach fast 20 Jahren Treue ein neuer Wagen her. Was sollte nun mit dem geliebten Daimler werden? Markus, mittlerweile 23Jahre, konnte seinen Vater überzeugen, ihm das Auto zu überlassen und nicht dem endgültigen Ende auf dem Schrottplatz auszuliefern. Zuerst wurde der Wagen für wenige Jahre in einer Halle geparkt, die dann aber irgendwann anders genutzt werden sollte. In einer Nacht- und Nebelaktion wurde der nicht angemeldete Rote in seine neue Bleibe, eine einfache Fertigbaugarage, gefahren.

In dieser Garage verbrachte die ehemals rote Schönheit am Sternenhimmel einige weitere Jahre, bis sich Markus dazu entschloss, ihn wieder zu einer Schönheit zu erwecken. Dies sollte zum 70.Geburtstag des Vaters geschehen, denn der hatte im Laufe der Jahre nicht nur einmal gesagt :”Junge, warum bringst du ihn nicht endlich zum Schrott?!” Dennoch erhoffte Markus sich das Strahlen in den Augen des Vaters. Im Internet wurden die ersten Teile gesucht, gefunden und gekauft. Doch schon bevor es richtig losgehen konnte, zerbrach der (Sternen-)Traum am Hauskauf.

Der Traum, den Wagen jemals wieder bewegen zu können rückte in immer weitere Ferne. Das liebe Geld, die Zeit für die Restauration, der Platz, es fehlte scheinbar an allem.



Doch dann traf Markus auf die zweibeinige Liebe seines Lebens, die die den Stein langsam wieder ins Rollen brachte, zwar nicht sofort, aber er sollte wieder zu rollen beginnen.

Zu den normalen Autos gesellten sich erst ein Mini, zwei Jahre später der Zweite. Schon hier stellte Markus fest, man muss Prioritäten setzen, dann ist einiges machbar und gemeinsam ein Ziel zu haben, ist dabei auch sehr hilfreich.

Die Besuche in der Garage des Daimlers wurden seltener, aber vergessen wurde er nie. Wenn man es auch nicht vermuten wird, haben es die Minis geschafft, Markus den richtigen Anstoß zu geben, sich wieder mit dem Thema /8 zu befassen. Im Bekanntenkreis sollte eine ältere, noch nicht H-Kennzechenfähige S-Klasse die Minis über den Winter entlasten. Schnell googelte Markus bei den bekannten Internetplattformen für den Autoverkauf und landete prompt, wie hätte es anders sein sollen, bei den /8- Modellen.

Seine Angetraute machte ihm Mut, doch nach einem gut erhaltenem Wagen zu suchen, denn der vorhandene hatte sich im Laufe der Jahre, die er noch gestanden hat, zu einer Ruine entwickelt und wäre sicherlich ein Fass ohne Boden geworden. Schnell war einer gefunden, den auch die Frau recht schick fand und auch sagte, mit dem könne sie sich anfreunden. Doch handeln tat Markus nicht. Mehrere Tage in Folge saß er abends vor dem Computer und sah sich dieses sehr schöne Exemplar an. Eines Abends war die Geduld der Frau am Ende, die Befürchtung das er kurze Zeit später nicht mehr inseriert sein könnte, lag nah und auf das Gejammer “Warum habe ich nicht wenigstens mal angerufen?” hatte sie keine Lust.

Sie gab ihrem Mann das Telefon mit der Bitte, nun endlich anzurufen und sich nach dem fast 40Jahre altem Wagen zu erkundigen. Gesagt, getan.



Es folgten noch mehrere Telefonate, die sämtliche Unklarheiten aus der Welt schaffen sollten, denn der Wagen stand fast am anderen Ende Deutschlands, 650km entfernt an der deutsch-polnischen Grenze. Schnell wurde ein guter Freund Markus in die Geschichte eingeweiht, alle anderen sollten erst später von darüber informiert werden. Der besagte Freund half schnell mit einem Zugfahrzeug sowie dem passenden Autoanhänger aus, denn für Markus stand fest, wenn alles passt, soll der Wagen direkt aufgeladen und in die neue gebracht werden. Am folgenden Wochenende startete Markus sehr früh am Sonntagmorgen mit seiner Frau und den beiden Hunden.

Auf der Fahrt machten sich beide Gedanken darüber, was sie wohl erwarten würde.Nach der recht langen Fahrt, war die Spannung auf dem Höhepunkt angelangt und enttäuscht wurden sie nicht, als der Verkäufer die warme Decke von dem beigen-grauen Wagen zog. Nach kurzer Probefahrt und einem genauen unter die Lupe nehmen wurde man sich auch mit dem Verkäufer über den Preis einig. Schnell war der Sindelfinger Oldtimer auf dem Hänger fest gezurrt und die Beiden traten die Heimfahrt an.

Markus freute sich sehr, dass dieser Traum nun doch endlich in Erfüllung gegangen war und fiebert nun den ersten schönen Sommertagen entgegen, um eine erste, richtige Ausfahrt genießen zu können. Die erste kleine Ausfahrt nach dem Anmelden am heimischen Straßenverkehrsamt ging, wie sollte es anders sein, zu den Eltern. Geschellt, rein gehuscht und den Vater gebeten, mal eben mit vor die Türe zu kommen. Verwundert über diese Bitte begleitete der alte Herr seinen Sohn vor die Tür und sah dort den alten Benz stehen, Worte fehlten- schweigend ging er den Wagen.

Das Schweigen bedeutet bei ihm so viel wie bei anderen ein dickes Lob… Markus war erleichtert. Der erste Satz seines Vaters kam dann doch noch: “Das ist aber einer aus der ersten Serie!” Die Beiden unternahmen auch direkt eine kleine Tour, wo auch wieder sehr wenige Worte fielen. Nachmittags bekam Markus einen Anruf, der die nicht ausgesprochenen Worte seines Vaters am Vormittag, zusammengefasst hatte. “Endlich hat der Junge seinen Daimler!!!”

Text: Sara & Markus Letzner
Bilder: Markus Letzner

Die Bilder sind teilweise in dem Buch “Autos, die noch Typen waren - Mercedes Benz Strich8 Modelle” von Heribert Hofner zu finden.


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